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Durch die Augen des Chris Mars (Interview)

30. June 2013 | Comment

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www.chrismarspublishing.com

Wie zur Hölle bin ich nur auf diese Party gekommen?! Alles hier ist seltsam. Die endlosen Züge fremder Menschen. Dieses düstere und muffig überfüllte Atmosphäre. Selbst die geflüsterte Stimmung in den in Dunkelrot und muffigem Tiefseegrün gastalteten Räumen ist bedrückend. Ich war auf der Suche nach Chris Mars. Der 32jährige Amerikaner ist ein zu beeindruckendes Ausnahmetalent, als das ich seine seltsame Einladung auf meine Interviewanfrage ablehnen konnte.

Selbst wenn ich dafür in einen abnormen, bedrohenden Partysumpf wie diesen hinab steigen mußte. Die Gestalten um mich herum schienen auf irritierender Weise transparent zu sein, ihre Haut war noch faltiger als ihre Klamotten und Körper schienen irgendwie verzerrt?! Einige hatten seltsame kleine Tiere auf dem Arm, deren Erscheinung ich trotz meines nervösen Zustands nur als katzengroßen Wurm beschreiben kann. Und alle schienen sie mich zu beobachten. So undefiniert ihre Körper auch im Dunkeln zu zerfließen schienen, ihre Gesichter waren gestochen scharf und der Ausdruck in ihren Gesichtszügen und speziell in ihren Augen beunruhigten mich zutiefst. Ich werde Chris gleich fragen, was mit diesen Gestalten hier los ist. Er muß es ja wissen. Ist ja schließlich seine Party.
artscum.org: Chris, dein Kosmos wird von alptraumartigen Mengen seltsamer Gestalten bevölkert, die sich mit Begriffen wie „Schönheit“, „Krankheit“ oder „Ausdruckskraft“ nur schwer beschreiben lassen. Wer sind diese Menschen?! Ausgeburten deiner Phantasie oder gibt es reale Vorbilder?! Speziell in ihre Augen liegt eine beunruhigende Ausdruckskraft, ich bilde mir auch ein in verschiedenen Gestalten denselben Blick zu erkennen?!
Chris Mars: Meine Gestalten sind in dem Sinne real, dass sie meine Gefühle über Dinge der Realität, wie Vorurteile oder Verfolgung, ausdrücken. Meine Intention ist es, eine Stimmung zu erzeugen, die auf den ersten Blick als potentiell störend oder fremd wahrgenommen werden kann, dann aber neben diesen ersten Eindruck meine gesamte Botschaft zu stellen – die Botschaft, dass wir als Menschen visuelle Kreaturen sind, die die Tendenz haben, sehr unvermittelt darauf zu reagieren, wie die Dinge erscheinen oder aussehen. In der Beobachtung wie die Menschen auf die Schizophrenie meines Bruders reagiert haben, habe ich gelernt, dass es für die Menschen sehr viel einfacher ist abzuweisen, zu stigmatisieren oder aus Angst und Missverständnis fehl zu urteilen, als einen tieferen Blick zu wagen um zu begreifen, dass dieser Mensch so viel mehr ist als ein Krankheitsetikett. Erweitert geht es auch darum, wie die Menschen so engstirnig werden – in sozialer, religiöser und ethnischer Hinsicht. Im Endeffekt ist die Art und Weise wie die Menschen miteinander umgehen viel erschreckender als alle Kunst. Eine Zeichnung könnte niemals abertausende Menschen in einem anderen Land wegen eines idiotischen Missverständnisses abschlachten. Obwohl meine Zeichnungen als albtraumhaft beschrieben wurden, fühle ich nicht in dieser Art wenn ich zeichne und ich plane sie nicht so dunkel.
artscum.org: Erzählen die Bilder eine Geschichte oder sind es eher abstrakte Zusammenhänge die die Gruppen auf den Bildern zusammenhalten?!
Chris Mars: Meistens ist es gewollt, dass meine Bilder eine Geschichte erzählen, aber ich weiß jedes Mal nicht, welche Geschichte dabei herauskommt. Ich arbeite spontan ohne einen Plan. Zuerst höre ich das, was ich fühle, dann auf das was in der Welt gerade abgeht und drittens schaue ich, was die Farbe und die Oberfläche mir zeigen. Zusammen damit, dass ich die Zeichnung/die Geschichte sich selbst während des Arbeitens offen legen lasse ist es dieses konstante Dreieck, das mich reizt.
artscum.org: Ich finden deine großartigen Stil sehr entschlossen und klar definiert und dein Output scheint ja immens zu sein. Wir hatten schon einige Künstler hier auf dieser Couch, die neben unserer geliebten grotesken und wahnwitzigen Kunst sich auch klassische Arbeiten wie Landschafts-, Portraitmalerei oder Naturstudien widmeten. Wie war deine künstlerische Entwicklung. Autodidaktischer Zwangskreativer oder klassische Ausbildung?!
Chris Mars: Danke für die netten Worte über meine Arbeit. Ich habe mir alles selbst beigebracht, und solange ich mich erinnern kann, war ich immer gezwungen zu malen und zu zeichnen. Ich denke die Bezeichnung Autodidakt passt.
artscum.org: Ich finde es macht wenig Sinn Kunst zu vergleichen und Strömungen oder Ähnlichkeiten in Bildern zu suchen. Trotzdem denke ich, das jeder Künstler Vorbilder, Initialzündungen und/oder Inspirationen hat. Wer (lebend oder tot) oder was motiviert dich immer weiter zu malen?!
Chris Mars: Otto Dix, George Gross, Ivan Albright, Stanislav Beksinski, Hieronymus Bosch, Marc Chagall sind einige der Künstler, die mich inspiriert haben. Ich habe schon immer die Stimmung des deutschen Expressionismus und des Surrealismus gemocht.
artscum.org: Ein Frage die ich allen hier im artscum.org-Fragenkerker stelle: Thema Kunst- und Meinungsfreiheit. Sollte in der Kunst alles thematisiert bzw. manifestiert werden, was denkbar ist oder gibt es Bereiche die selbst die Kunst nicht diskutieren sollte? (Stichwort z.B. Mohammed-Karrikaturen).
Chris Mars: Ich denke, dass es keine Grenzen geben sollte mit der Ausnahme von Snuff-Filmen oder Dingen, bei denen Menschen physisch verletzt werden – oder vielleicht bei der rücksichtslosen Verwendung von einem Symbol, dass für den Tod und das Leiden von Mitmenschen steht. (Könnte dies gegenwärtig die amerikanische Flagge sein?) Außer dem sollte künstlerischer Ausdruck niemals eingeschränkt oder als Bedrohung etikettiert werden. Ich denke, nicht die Kunst selbst ist die Bedrohung, sondern vielmehr der gewollte Mangel an Verständnis gegenüber der Kunst.
artscum.org: H.R. Giger hat mal gesagt „Wenn ich so wäre wie meine Bilder, das könnte man ja selber kaum aushalten.“. Kann man von deinen Bildern auf dich als Person schließen oder ist das ein unsinniger (weil einschränkender) Versuch vom Geschöpf auf den Schöpfer zu schließen?!
Chris Mars: Ich hatte vor 15 Jahren einen unglaublich eindringlichen Traum, den ich nicht vergessen kann. Ich war nachts in einem meiner Bilder. Ich lief für einige Zeit mit ein paar meiner Geschöpfe umher. Ich hatte keine Angst, bis sie entlang eines Horizonts mich ins Innere einer meiner kleinen Strukturen führten. Ich war ungefähr im 20. Stock und alle begannen zu lachen und mich zu sticheln, dass ich aus dem Fenster springen solle. Als sie lachten und stichelten begann ich ihnen zu misstrauen, doch irgendetwas in ihrem Auftreten sagte mit, dass es richtig wäre, dass es etwas wäre, was normalerweise getan wird. Also sprang ich und begann zu fallen. Eine Gruppe fliegender Gestalten unterbrach mich, bis ich mit ihnen an der Seite mit high speed durch das gemalte Land flog. Es war unglaublich euphorisierend und einprägsam. Ungefähr ab diesem Moment muß ich gestehen, war ich mir nicht mehr sicher ob er mit mir redete oder mit der Frau mit dem spitzen Hut und den beeindruckenden Augen, die sich neben uns auf das vergammelte Sofa gesetzt hatte. Wir hatten uns während des Interviews in eine Ecke neben einem gigantischen gläsernen Totenschädel gefüllt mit stinkender, dunkelroter Bowle verzogen. Ich schwöre aber, dass die gesamte Party während unseres Gespräch erstarrt war und jede unserer interlektuellen Bemühungen von ihren rätselhaften, undeutbaren Gesichtern schweigend verfolgt wurde. Sollte am Ende die Party nur eine inzinierte Kulisse für dieses Interview gewesen sein. Oder hat der morbide Charme der Bilderwelt eines Chris Mars die schlimmen Seiten meiner Phantasie entzündet?! Ich sollte vielleicht auch bei Interviews nicht so viel stinkende, dunkelrote Bowle trinken. Beim nächsten mal. Versprochen.

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His art appears in INSIDE artzine #12, #13, #14, #15 & #16 (with other stuff) buy online
Interview: jenz@inside-artzine.de

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