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Der Wahnsinn im Detail (Interview mit Kris Kuksi)

8. September 2012 | Comment

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www.kuksi.com

Kennt ihr nicht auch noch diese Wimmelbilder in Kindergartenbüchern?! Bilder in die man sich stundenlang versenken konnte?! Ähnlich funktionieren die Skulpturen des 34jährigen Amerikaners, nur das hier keine Freibäder oder winterliche Marktplätze zu sehen sind sondern endlosen Fluchten in morbide Abgründe, stürzende Korridore tief in den Wahnsinn eines begnadeten Multitalents. Nachdem ich stundenlang den Gängen seiner Bilder gefolgt war (und es keinerlei Hoffnung mehr auf gesunde Rückkehr aus diesem verdrehtem Labyrith gab) traf ich den Meister des Details persönlich. Tief im Zentrum seiner Phantasiegeburten hockt er noch immer, laßt euch einfach auf seine Skulpturen ein, folgt seinen Wegen… hinab.

artscum.org Ich denke der geneigte INSIDEartzine-Leser wird sich in erster Linie für deinen morbiden Output interessieren. Abgesehen von deinen beeindruckenden Skulpturen erstreckt sich dein umfangreiches Werk aber auch von Portraitmalerei über figurale Aktzeichnungen, surrealen Realismus bis hin zur Naturmalerei (habe ich etwas vergessen?). Was fasziniert dich gerade an den düsteren, abseitigen Bereichen deiner kreativen Phantasie?! Wie würdest du, der die ganze Bandbreite beherrscht, in diesem Zusammenhang Schönheit vs. Hässlichkeit beschreiben.
Kris Kuksi: Ich entdecke Schönheit in so vielen Dingen, unter anderem auch in der dunklen Seite der Realität. Die Tatsache, warum gerade diese so attraktiv für uns ist, rührt vor allem daher, dass wir doch sehr stark von den gängigen Moralvorstellungen dominiert werden. Wir werden erzogen, gut zu sein und verhalten uns auch dementsprechend, wir sind nur einem Partner treu, tragen stets Kleidungen und entschuldigen uns sogar, wenn wir niesen müssen. Das, was wir aber eigentlich wollen, ist, uns wie ein Tier zu verhalten, was natürlich mit unseren Moralvorstellungen und unserem religiösen Glauben nicht vereinbar ist. Damit will ich nicht sagen, dass wir uns alle wie Wilde aufführen sollten, aber tief in unserem Inneren ist dieses Verlangen verborgen. Wir dürsten förmlich danach, böse zu sein, und Kunst, die dies widerspiegelt, wird uns immer anziehen. Letztendlich ist es aber so, dass der Mensch sich nicht zuletzt gerade wegen der moralischen Zwänge, der Religionen und Gesetze dazu getrieben wird, böse zu agieren.

artscum.org: Mir fällt es schwer deine Skulpturen zu beschreiben, da ich innerhalb meines Kunsthorizonts nichts Vergleichbares finde. Wie würdest du deiner neuen Freundin/Freund deine Skulpturen beschreiben und gibt es (lebende oder tote) Künstler, die du als Vergleich oder Inspiration hinzuziehen könntest?
KK: Visuell würde ich meine Skulpturen als eine Kombination aus Barock und industriellem Zeitalter beschreiben. Die runden, organischen Stilelemente des Barock treffen dabei auf finstere, strukturierte Rahmen und Maschinen aus der heutigen Zeit. Man könnte aber auch sagen, dass hier die begnadete Kunstfertigkeit einer vergangenen Zeit auf künstliche Konstrukte einer entseelten Welt treffen. Wie klingt das?

artscum.org: Sehr passend, würde ich sagen! Die meisten der Skulpturen haben scheinbar eindeutige Titel wie „Lust and Selfabuse“ oder „House of Fascism“. Was sind deine Motive, eine neue Arbeit anzugehen? Was inspiriert dich? Gibt es „Botschaften“?!
KK: Manchmal steht das Thema bereits zu Anfang fest, manchmal findet es sich erst im Prozess der Gestaltung. Ideen habe ich ständig, ich behalte sie dann im Hinterkopf, um im passenden Moment auf sie zurückzugreifen. Falls eine Skulptur in der frühen Phase ihrer Entstehung noch kein Thema hat, dann kann ich sie in eine bestimmte Richtung bringen, sobald ich das Thema festgelegt habe. Meine Werke stehen in engem Zusammenhang mit meiner Empfindung der Menschheit, wohin wir gehen und was wir angerichtet haben. Die Menschheit hat bereits eine so lange Geschichte hinter sich und die Zeit, in der wir leben, ist ausschlaggebend, ob wir weiterhin überleben werden.

artscum.org: Wohl wahr. Nur ist der Weg inzwischen zu steil zum Umkehren?! Ich empfinde deine Skulpturen als geradezu alptraumartig detailreich. Selbst nach Stunden des Betrachtens kann man noch neue kleine Szenen und Situationen entdecken. Erzählen die unzähligen Details eine große Geschichte, kann man in den Arbeiten wie in einer Geschichte „lesen“ (wenn ja was für Geschichten sind das) oder sind die Zusammenhänge eher abstrakt und zufällig im Entstehen?!
KK: Die meisten sind improvisiert. Ich versuche stets, jede Figur des Gesamtwerkes der Fantasie des Betrachters zu überlassen, jede steht dabei für sich alleine und steht in keinem Zusammenhang. Hier und da findet zwar eine Interaktion statt, aber das ist eher die Ausnahme. Um die Figuren aufzuwerten, versehe ich sie zumeist mit unterschiedlichen Gliedmaßen, mehreren Armen oder Köpfen. Auf diese weise tragen sie zum verstörenden und verwirrenden Gesamteindruck der Skulptur bei.

artscum.org: Welche Art von Materialien benutzt du? Fundstücke oder stellst du alles selber her?
KK: Die Materialien bestehen aus tausenden von Fundstücken. Allerdings wurde jedes davon von mir nachbearbeitet, geschliffen, eingefärbt oder umgeformt. Keines der Teile wird in seinem ursprünglichen Zustand ins Gesamtkunstwerk eingefügt. Zudem verwende ich nie ein Teil zweimal. Auf diese Weise ist jedes einzelne Element ein Original, das nur einmal zur Verwendung kommt.

artscum.org: Eine Frage die ich vielen Künstlern stelle, die verstörende, oft provozierende Arbeiten veröffentlichen: Darf oder sollte man alles in der Kunst zeigen? Gibt es Tabus, moralische Hürden, die selbst die Kunst nicht überschreiten sollten?!
KK: In der Kunst gibt es keine Grenzen! Jedes nur erdenkliche Thema sollte ausgeschöpft werden!

artscum.org: Unterschreibe ich sofort! Du hast vor kurzem in Deutschland einen Workshop gegeben. Worum ging es, was hast du gesehen, erlebt, was denkst du? Sind die Deutschen ein verklemmter, humorloser Haufen Bürokraten (gängiges Vorurteil in Europa) oder durchgeknallte, frei denkende Individualisten (mein Wunschtraum)?
KK: Der Workshop fand in Bayern statt und wie man mir sagte, ist dies eine Region die weitaus konservativer ist als beispielsweise Berlin. Dennoch habe ich alle Leute, die ich getroffen habe als sehr unkompliziert und ehrlich empfunden. In Berlin habe ich mittlerweile viele gute Freunde gefunden, die allesamt lustig, warmherzig und hilfsbereit sind. Natürlich gibt es auch einige faule Äpfel, aber das ist überall so. Ich mag Deutschland sehr und komme jederzeit gerne wieder… (Interview: jenz@inside-artzine.de)

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