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“Heroin Kids” – Christian Kaiser und Corinna Engel (Book)

30. April 2013 | Comment

Hardcover, 216 Pages, 28x28cm, DVD approx, 49 minutes, 40 Euro
Contact: http://vicious-videos.com
Purchase: Amazon
Publisher: Index Verlag
Interview mit den beiden Autoren (von Dominik Irtenkauf) auf artscum.org

Die “Kommission für Jugendmedienschutz” sieht durch diesen Bildband die Menschenwürde verletzt, die “Bayrische Landeszentrale für Neue Medien” spricht von “sozial-ethisch desorientierenden und entwicklungsbeeinträchtigenden” Inhalten, der Focus hält es sogar für “verbotene Kunst”. Große Worte von großen Experten. Für abseitige Kunst. Wenn die nicht wissen, was aufrüttelt, wer dann?! Okay, es hilft ja nichts, kein Experte ist so treffsicher wie der eigene (Kunst)Geschmack, dank an Dominik Irtenkauf (der auch das anschließende nicht minder kontroverse Interview geführt hat) für das Belegexemplar und um es kurz zu machen: Ja, das Buch ist randvoll mit nackten (offensichtlich minderjährigen) Mädchen, Spritzen, Drogen, Kotze, Scheisse an der Wand, Elend und Absturz. Dazu gelegentlich seltsam entrückte Texte, die den Leser wohl auf den verzweifelten, sinnfreien Trip der Mädels mitnehmen soll. Und das Alles (um die objektive Beschreibung rund zu machen) ist in professionelle Photoarbeit und großformatigen Hochglanzhardcoverdeckeln gegossen.


Vielleicht bin ich ja doch geistig eingeschränkter, als die ganzen oben aufgeführten Zensurexperten, aber ich versteh’ das Buch nicht. Ich mein, ich versteh eine Menge nicht auf diesem Planeten, finde aber speziell in der Kunst ist das auch nicht immer zwingend notwendig, um sie zu genießen. Aber in diesem Fall kriege ich ein paar Sachen nicht ganz zusammen (neben meinem ersten spontanen Gedanken “warum sind minderjährige Mädchen beim Drogenkonsum eigentlich immer nackt?”). Ein zugegebenermaßen persönliches Defizit meinerseits, was der Wucht dieses Kunstwerks aber keinen Abbruch tut, eher im Gegenteil. Ist dieses Buch jetzt eine dokumentarisch angehauchte Milieustudie, eine photografischer Versuch den Abgrund von Sucht und Selbstaufgabe auszuleuchten oder eine berechnende, inzinierter Pornofreakshow für den geschmacklich entgleiste Spanner?!
Als Milieustudie funktioniert es nur bedingt, da die Umstände, Zusammenhänge, Hintergründe meistens völlig im Dunkeln bleiben (Bilder der Mädels jenseits des versifften, vollgekotzen Nacktabsturz sind eher selten). Die kurzen Interviewschnippsel auf der DVD helfen da schon eher, hinter die verquollenen Mädchenaugen zu schauen. Das photografische Festhalten im poetischen Sinne des selbstzerstörerischen Taumelns in die unwiederbringlichen Abgründe von Rausch und Ausklinken, die Sehnsucht nach dem alles beantwortenden Trip, das ultimative Auslöschen in der finalen Implosion finde ich auch eher selten. Dazu sind allermeisten Bilder einfach zu abgefuckt für meinen Geschmack. Zärtlich erdrückende Todessehnsucht und vollgepisste Panties passen bei mir nicht wirklich zusammen. Bleibt die Frage nach der inzinierten Freakshow. Definitiv! Das Bild eines nackten Mädchens mit einem Schild in der Hand, auf dem “Will do anything vor Heroin” gekrickelt steht, vor einer mit Blut, Kotze und/oder Kacke beschmierten Wand (u.A. mit dem Wort “Sex”) und die dabei eine Spritze zwischen den Zähnen hält, ist Posertum aller ersten Güte und eine saustarke, monsterprovokante Visualisierung von… ja was eigentlich?! Eines Tabubruchs? Einer ungeliebten Wahrheit? Einer totgeschwiegenen Wirklichkeit?! Einer bewussten Provokation? Wie immer bei guter Kunst, entsteht das letze Bild erst im Kopf des Betrachters!
Was bleibt also nach dieser Achterbahn durch Schmutz, Absturz, Voyeurismus und Zensurmöglichkeiten? Meiner Meinung nach, ging es den beiden Autoren darum, einen realen Zustand durch ihre künstlerische Vorliebe für Exzess und Provokation so dermaßen zu beschleunigen, dass dem ungeübten Betrachter sämtliche gesellschaftliche Werte wie Anstand, Moral und/oder Menschlichkeit in völlig neuen, finsteren Farben um die Ohren fliegen. Und das gelingt ihnen perfekt. Schmerzhaft und faszinierend! Ob einem das jetzt passt oder nicht sei mal dahin gestellt, wer aber schreibt dem Künstler bitte schön die Wahl seiner Farbe vor?! Bestimmt nicht die “Bayrische Landeszentrale für Neue Medien.” Wer sich dieses Buch kauft muss wissen was er tut. Und das tun wir doch alle, oder?! Nicht nur beim Kauf von Kunstbüchern.
jenz@inside-artzine.de

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