artscum.org

artscum.org

International Artscum Blog

Im Orbscurarium (Interview mit Trëz Orb)

8. September 2012 | Comment

Appears in INSIDE artzine #16 (with other stuff) buy online

www.orbscurarium.com

Alpträume haben wir doch alle mal, hin und wieder?! Dieser bleiche, schweißnasse Griff in die Eingeweide, das Nagen der unsichtbaren Bedrohung am verbogenen Rückgrat. Schaut euch die Bilder des 29jährigen Franzosen Trëz Orb an! Und…? Erkennt Ihr es wieder? Der gleiche schlechte Geschmack im ausgetrockneten Mund nach dem panikartigen Aufwachen. Die scheinbare Sicherheit des Wachseins. Geschissen. Dieser Mann weiß, wann unser Weg zu Ende ist. Und hat auch noch Spaß dabei. Hört gut zu...

artscum.org: Deine finsteren Arbeiten sehen oft mehr nach Albraum/Geistervisionen aus, als nach fleischlichen Splatter-Fantasien. Denkst Du, dass der menschliche Geist verletzlicher ist als sein Körper?

Trëz: Ich weiß gar nicht so genau, wie meine Bilder auf andere wirken. Ich denke jeder nimmt sie anders wahr. Eigentlich ist es nur das, was ich um mich herum sehe. Meine eigene Vision der Menschheit, der Welt, der Gesellschaft. Es ist gar nicht meine Absicht, „dunkle“ oder „fantasyartige“ Bilder zu erschaffen. Ich erzähle lediglich über die Welt in der ich lebe und wie ich sie sehe. Die Charaktere in meinen Bildern haben verdrehte und zerstörte Körper, um ihre mentalen Beschaffenheiten sichtbar zu machen. Die Photomanipulation ermöglicht es mir, ihre Gefühle, Ängste und Fragen in den Bildern zu visualisieren. Nur so kommt im Inneren Verborgenes an die Oberfläche der Realität, auch wenn diese beiden Pole unvereinbar scheinen. Es ist schwer zu sagen, ob der Geist verletzlicher ist, als der Körper. Ich würde sagen, dass der Mensch auf allen Ebenen verletzbar ist.

artscum.org: In vielen Deiner Werke tauchen religiöse Symbole auf. Findest du, dass Religion ein hilfreiches Mittel ist, um den „höheren Sinn“ hinter unserer Existenz zu erforschen oder ist sie nur eine schwache Entschuldigung? Ein Verstecken hinter vorgegebenen Regel, nur um nicht selber tiefgreifende Entscheidungen treffen zu müssen?
Trëz: Ja, das stimmt schon, ich benutze oft religiöse Symbole, aber nicht nur, um das Thema Religion zu beschreiben. Du wirst eine Menge Heiligenscheine in meinen Arbeiten finden, ganz einfach weil mich die Form fasziniert. Manchmal haben sie eine relgiöse Bedeutung, meistens aber nicht. Ich benutzte dieses Symbol oft, um die Scheinheiligkeit der Menschen zu entlarven. Viele halten sich für „Gott“, für gute Menschen, obwohl sie es nicht sind. Der Heiligenschein verspottet sie, macht ihre Blindheit sichtbar. Dieses Symbol lässt sich auch ohne weiteres in Bezug zu Politik, Wissenschaft oder Kapitalismus setzen. Allesamt Themen, in denen sich einzelne Menschen für etwas Besseres halten. Von religiösen Organisationen, egal welcher Richtung, halte ich gar nichts. Ich respektiere jeden Menschen, seine Unterschiede und an das, was er glaubt. Jeder kann an das glauben, was er will. Freiheit ist einer der höchsten Werte für mich, aber religiöse Institutionen haben diese Freiheit den Menschen gestohlen. Ich kann es nicht akzeptieren, dass einige wenige das Leben von vielen bestimmen können. Ich denke, es ist keine organisierte Struktur nötig, um an eine höhere Macht zu glauben. Für mich persönlich ist es relativ unwichtig, ob es einen „Gott“ gibt oder nicht. Für mich zählt nicht der Erschaffer, sondern das Erschaffene.

artscum.org: Oft setzt der Betrachter den Künstler mit seinem Werk gleich. Wie viel von Dir/Deinem Charakter steckt in deinen Arbeiten? Bist du nur ein gutgelaunter Typ mit einer bösen Fantasie oder ein durchgeknallter Irrer, der seine verbotenen Gedanken auf die Leinwand der Kunst zerrt. Müssen wir Angst vor dir haben?
Trëz: Viele Menschen empfinden meine Kunst als dunkel und deshalb muss ich auch ein depressiver, selbstmörderischer, immer trauriger Typ sein… doch das trifft auf mich nicht zu. Ich denke schon, dass ich anders bin als die Norm, wie viele andere auch, wobei man hier definieren müsste, was die Norm ist. Wie jeder andere habe auch ich Ängste, dunkle Seiten in mir, Dinge die mich verletzen, Fragen… Dinge, über die ich nur schwer sprechen kann, deshalb bediene ich mich einer anderen, künstlerischen Art des Ausdrucks.Tatsache ist: Ich verstehe eine Menge Dinge in unserer Gesellschaft nicht. Ich sehe die Welt als ein chaotisches, wackliges Gebilde und während alle versuchen, sie auszuhalten, zerfällt sie mehr und mehr. Durch meine Kunst versuche heraus zu bekommen, wo ich in diesem Gebilde meinen Platz habe. Das ist wohl der Sinn meiner Arbeit. Es stimmt schon, ich habe keine sehr hohe Meinung von unserer Spezies, aber keine Angst… ich bin kein verrückter Irrer… hehehe. Ich habe viele Freunde, ich liebe es zu lachen, ich interessiere mich für Millionen verschiedener Dinge… kurz gesagt: Ich liebe das Leben und ich hoffe, ich lebe lange, um meine kreative Entwicklung voranzutreiben, um so herauszufinden, wer ich bin.

artscum.org: Was mich angeht, so finde ich, dass deine fantastische Arbeit in einer Reihe mit Ausnahmekünstlern wie Seth Siro Anton oder Mike Bohatch steht. Was sind deine künstlerischen Wurzeln, deine Inspirationen? Irgendwelche lebenden Künstler, die du in letzter Zeit getroffen hast, die wir kennen sollten?
Trëz: Wow, ich fühle mich geehrt, mit zwei so außergewöhnlichen Künstlern verglichen zu werden. Ich kenn nicht so viel von Mike Bohatch aber bezüglich Seth Siro Anton hatte ich die Möglichkeit, ihn ein paar Mal zu treffen und was soll ich sagen… seine Arbeit ist großartig (sowohl seine visuellen Arbeiten, als auch seine Band Septicflesh). Ich denke, neben Jarek Kubicki ist er einer meiner Haupteinflüsse. Meine Arbeiten werden öfters mit anderen Künstlern der Fotomanipulation verglichen, die ähnliche Werkzeuge benutzen wie ich, aber die Parallelen sind eher unbewusst. Je länger ich aber meinem kreativen Prozess folge, desto mehr bekommt meine Arbeit meine ureigene Handschrift. Falls du ein paar Künstler wissen willst, deren Arbeit ich bewundere, dann wäre da auf jeden Fall Beksinski dabei, Olivier de Sagazan, H.R. Giger, die Quay Brothers, Adam Jones (für seine Tool-Videoclips), David Lynch… diese Liste könnte ich endlos weiterführen. Eine weitere Inspirationsquelle ist die Musik die ich höre: Metal, Dark Ambient, Klassik, Filmsoundtracks… Bands wie Slaughter Natives, Murmuüre, Chaostar, Tool, Septic Flesh, Hans Zimmer und vieles andere. Ich kann nicht ohne Musik leben. Glücklicherweise habe ich die Chance, eine Menge talentierte und außergewöhnliche Künstler zu treffen, auf meiner Website unter Links findet Ihr eine Auswahl davon.

artscum.org: Heutzutage scheint die freie Meinungsäußerung in der Kunst völlig grenzenlos zu sein (was in meinen Augen aber nur bedingt der Fall ist). Denkst du, dass alles was denk- und machbar ist, in der Kunst aufgegriffen werden sollte, oder gibt es Tabus die selbst von der Kunst nicht angetastet werden sollten.
Trëz: Wie ich eben schon gesagt habe, ist Freiheit ein sehr hoher Wert für mich. In der Tat, haben mich schon Leute dafür kritisiert, dass ich auf Community-Websites meine eigenen Bilder in Bezug auf Nacktheit zensiert habe. Aber wenn ich auf diesen Seiten unterwegs bin, muss ich deren Regeln akzeptieren. Aber das ist mir egal, denn auf meiner eigenen Website ist natürlich nichts zensiert, da zeige ich was ich will. Die Leute müssen sich eben auch mal außerhalb von Facebook und Co. umschauen. Zensur in einer Zeitschrift wie INSIDE artzine oder auch meiner Website wäre natürlich ein krasser Einschnitt in die Meinungsfreiheit. Leute, denen der Inhalt des INSIDE artzines oder meiner Website nicht gefällt, die sollen es sich ganz einfach nicht anschauen, anstatt nach Zensur zu schreien.

artscum.org: Denkst du, die Menschheit ist auf einem guten Weg zur Perfektion oder wäre es besser, den ganzen Scheiß im Abfluss des evolutionären Scheiterns runterzuspülen?
Trëz: Wenn ich ehrlich bin, habe ich nicht viel Hoffnung in unsere Zukunft. Egoismus beherrscht den Menschen. Wir haben durchaus das Potenzial glücklich zu leben, großartige Dinge zu schaffen, sich gegenseitig zu respektieren, im Einklang mit der Welt zu leben. Aber wir haben einen Punkt überschritten, an dem es nur noch Zerstörung geben kann. Heuchelei, Neid, Täuschung, Eifersucht… all diese Emotionen sind unveränderliche Bestandteile des Menschen und wir können nichts dagegen tun. Es ist einfacher, böse Dinge zu tun als Gute und der Mensch bevorzugt eben einfache Sachen. Ich denke, wir sind ein Parasit auf diesem Planeten, wir werden einfach verschwinden durch unsere eigenen Fehler und das bereits in naher Zukunft. Vielleicht täusche ich mich ja auch, aber wahrscheinlich wird das nichts mehr…

artscum.org: Was liegt bei dir an? Projekte, Ausstellungen? Wo können wir mehr sehen von deiner großartigen Kunst?
Trëz: Im Moment arbeite ich an verschiedenen Bildern für zwei wichtige Ausstellungen in Frankreich. Mit unserem Videokolletiv Octopulse entsteht gerade ein neues Video namens „Infecto Structura“, das in ein paar Wochen auf unserer Website www.ortopulse.net online zu sehen sein wird. Mehr von meiner Arbeit findet der geneigte INSIDE artzine-Leser auf meiner Website www.orbscurarium.net. Ich hatte bisher leider nie die Gelegenheit in Deutschland auszustellen, hoffe aber, es klappt eines Tages noch, denn es würde mich brennend interessieren, was ihr von meiner Kunst haltet. 1000 Dank für die Möglichkeit, hier meine Arbeit vorstellen zu können.
Interview: jenz@inside-artzine.de

art gallery
on artscum.org
His art appears in INSIDE artzine #16 (with other stuff) buy online
www.orbscurarium.com
www.octopulse.net

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *