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Heroin Kids – (Interview C. Kaiser und C. Engel)

30. April 2013 | Comment

Hardcover, 216 Pages, 28x28cm, DVD approx, 49 minutes, 40 Euro
Contact: http://vicious-videos.com
Purchase: Amazon
Publisher: Index Verlag
Buchreview auf artscum.org

Die Aussagen in diesem Interview spiegeln nicht zwingend die Meinung des Blogbetreibers wieder!!

Interview zu „Heroin Kids“ mit Christian Kaiser und Corinna Engel (von Dominik Irtenkauf)

Eure Homepage wurde aufgrund des Kunstprojekts Heroin Kids zum Zielobjekt der Bayerischen Landeszentrale für neue Medien, die die Entfernung der Fotos des Projekts unter Androhung einer existenzbedrohenden Geldstrafe forderten. Wie kam es zu dieser Unterlassungsanordnung?

Schon kurz nach der Veröffentlichung der ersten Heroin Kids-Bilder im Internet erreichten uns erste Mails von Leuten, die das Projekt toll fanden, aber auch Hassmails von selbsternannten Jugendschützern wie “Euch sollte man neben die anderen Pädophilen auf den elektrischen Stuhl setzen” oder “Ihr seid der Abschaum der Gesellschaft”. Es war die Rede von “Kunst für Perverse und Pädophile”, es sei drogenverherrlichend und frauenfeindlich. Und dann kam ein Brief von einer ominösen Organisation namens jugendschutz.net (jusu.net). Die wollten, dass wir unsere Homepage unverzüglich vom Netz nehmen. Diese zwielichtige Organisation hatte damals nicht mal ein Impressum. Wir haben das gar nicht ernstgenommen und wir sind auch immer noch der Meinung, dass man diese “staatliche Stelle” nicht ernst nehmen kann. jusu.net hat objektiv keinerlei Kompetenz, Fragen von Kunstfreiheit auch nur ansatzweise abwägen zu können. jusu.net hat uns schließlich bei der Bayerischen Landeszentrale für Neue Medien (BLM) und der KJM (Komission für Jugendmedienschutz) gemeldet, die ja dafür zuständig sind, Online-Inhalte auf mögliche Verstöße zu überprüfen. Unsere Homepage wurde dann mehrfach aufgezeichnet und einer fadenscheinigen Prüfung unterzogen, spezielle Prüfkriterien waren: Ästhetisierung des Konsums harter Drogen, Verstöße gegen die Menschenwürde, Deklarierung von Frauen zu Gegenständen, Darstellungen von Jugendlichen in ungewohnt geschlechtsbetonten Körperhaltungen, Verbreitung von pornografischen Schriften. Das Ergebnis der Prüfung: Ein Bußgeldbescheid über etwa 5300 Euro. In der Hauptverhandlung wurde das Verfahren schließlich eingestellt. Die BLM kam mit drei Anwälten. Die Richterin stellte die Kompetenz der KJM-Prüfgruppe, eine Abwägung zwischen Jugendschutz und Kunstfreiheit treffen zu können, grundsätzlich in Frage. Außerdem stellte sie den Vorwurf der “Entwicklungsbeeinträchtigung” von Heroin Kids grundsätzlich in Frage. Noch am Tag der Einstellung hat die BLM einen unverschämten Papierwisch an uns geschickt: eine Aufforderung, eine Erklärung zu unterschreiben, dass wir die beanstandeten Inhalte trotz der Verfahrenseinstellung nicht weiter im Internet verbreiten werden und dass wir schriftlich bestätigen, dass Heroin Kids jugendgefährdend ist, ansonsten würden weitere Kosten auf uns zukommen – diesmal drohte man, über den verwaltungsgerichtlichen Weg zu versuchen, das Projekt zu verbieten. Die Frist zur Unterzeichnung ist verstrichen, dann kam noch so ein Schreiben mit einer neuen Frist. Auch die haben wir verstreichen lassen.

Auf Eurer Homepage vicious-videos.com sah man bis zur Unterlassungsklage junge Frauen beim Erbrechen, Schußsetzen, beim Geschäft auf der Toilette, beim Liebesspiel oder in der Badewanne. Manche von den Fotomodellen wirken ausgezehrt und fertig mit der Welt. Rückt das Eure Webseite in verdächtige Nähe zur Pornographie und damit Halblegalem?

Vielen Menschen fällt es sehr schwer, unsere Heroin Kids-Arbeiten einzuordnen, die Bilder sollen ja gewohnte Denkstrukturen aufbrechen. Das befremdet. Viele Menschen sind sich, wenn sie die Bilder sehen, nicht sicher wie sie sie einordnen sollen: Ist das eine schockierende Drogenaufklärungskampagne? Ist es Drogenverherrlichung? Ist es vielleicht Erotik? Schmuddelpornografie? Oder gar Jugendpornografie? Ist es Heroin-Chic-Fashion-Fotografie? Ist es eine Dokumentation? Den Leuten fällt es ja generell schon schwer mit den Themen, die wir aufgreifen, umzugehen. Sie möchten die Bilder lieber ganz strukturiert in eine Kategorie einordnen, um dann wie gewohnt darauf reagieren zu können. Genau das wollen wir nicht. Wir wollen die Menschen aus ihren vorgefertigten Gedankengängen herauslocken.
Kunst, die Grenzbereiche des Lebens in sich spiegelt, befindet sich schon alleine wegen ihrer Thematik fast immer in dieser verdächtigen Nähe zum Halblegalen.
Wir suchen die Nähe zur Pornografie ganz gezielt und haben auch ganz explizit pornografische Inhalte in den Bildern. Wir spiegeln ja gerade die Welt des Jung-Seins heutzutage wider. Diese Bilder entsprechen der Zeit und den Umständen, aus denen heraus sie entstehen und in der Jugendliche aufwachsen. Jugend heute, das ist: “Generation Absturz” – “Generation Porno”. Pornografie ist so verbreitet wie nie zu zuvor. Jugendliche tauschen Handypornos am Schulhof und zwar die krassesten, die es gibt, drehen selbst welche, nehmen Drogen mit dreizehn und sind mit sechzehn im Entzug. Sex, Drogen und Gewalt sind viel näher an der Lebensrealität vieler Jugendlicher als das Jugendschützer wahrhaben möchten. Jeder Jugendliche kennt Pornos, es ist kein Problem, da ran zu kommen im Internet und natürlich färbt das auch auf Jugendliche und ihr Verhalten ab. Das kann man nicht ausklammern, wenn man sich künstlerisch mit Jugend heute beschäftigt – außerdem sind wir natürlich auch von unseren eigenen Leben geprägt – wir wollen das gar nicht ausklammern oder weglassen. Wir haben selbst ja auch schon einiges an Drogen genommen, Entzüge gemacht, gedealt, geklaut – natürlich gibt es da viele Schattenseiten, aber es gibt da auch diese Faszination, diese Sehnsucht nach dem Unbekannten, dieses Gefühl, wenn man sich in Dinge stürzt, die man gar nicht abschätzen kann. Schönheit findet man da wo das Leben pulsiert, wo Fehler gemacht werden. Wir mögen das Kaputte, verblasste Farben, alles sollte etwas trübe und kaputt sein, wie hinter einem Nebel und sollte sexuell gefärbt sein. Heroin Kids spiegelt Ausschnitte dieser Welt wider. Es rüttelt an eingefahrenen Bildern von Schönheit und erweitert, bereichert es. Wir vermischen ja auch ganz bewusst Pornografisches mit Zerbrechlichkeit und Anmut.

Gab es spezielle Gründe, das Internet als erstes Medium für die Veröffentlichung des Projekts auszuwählen?

Während man bei Printmedien oder Kunstausstellungen sehr lange Anlaufzeiten zwischen Herstellung und Veröffentlichung benötigt, ist das Internet ein sehr schnelles und direktes Medium. Man kann Inhalte innerhalb von Sekunden raufladen und hat eine enorm große Reichweite bis in die ganze Welt. Mit Social Communities verlagert sich sowieso ein großer Teil des Lebens ins Netz, so gut wie jeder ist täglich im Netz und es ist nicht mehr aus dem Leben wegzudenken. Aktuelle Kunst darf sich nicht verschließen vor diesen neuen Strukturen, sondern muss sie nutzen, wenn sie überlebensfähig bleiben will. Kunst muss am Pol der Zeit stattfinden, nicht irgendwo in verstaubten Büchereien. Internet ist heute der ideale Ort für neue Kunst. Es bietet eine ideale Rahmenbedingung, in der Kunst entstehen kann.
Das Internet bietet eine Plattform für fast alles und jeden, es verspricht Freiheit und Anonymität. In seiner pluralistischen Vielfalt schläft das Neue und die Inspiration. Kunst, das ist nicht nur Beuys und diese Expressionismus-Ausstellungen, die man mit der Schulklasse besucht hat. Kunst sollte viel näher am Leben stattfinden. Die Freiheit im Internet macht es aber auch unüberschaubar und unkontrollierbar, auch für die Landesbehörde. Ein Buch kann man verbieten, dann ist es weg, aus dem Sichtfeld verschwunden. Ein JPEG wird einfach kopiert. Wenn es in Deutschland um die Zukunft des Internets geht, dann in der Form, “Wie machen wir das Netz sicher für unsere Kinder?” oder “Wie entwickeln wir in den Jugendlichen Kompetenzen, damit sie nicht auf schäbige amerikanische Pornoseiten oder böse Chats klicken, wo sich möglicherweise Pädophile tummeln?” Das sind ohne Frage sehr wichtige Themen aber eben nicht die Einzigsten (!). Die Freiheit im Internet ist auch wichtig, aber wir sind keine Internetaktivisten – In erster Linie geht es uns genau um unsere Sachen und die wollen wir zeigen können, ohne dass wir uns hinter falschen Namen und ausländischen Providern verstecken müssen.

Ende 2011 erschien das Projekt in Buchform beim Index Verlag unter dem Titel Heroin Kids. Haben sich durch den Wechsel des Mediums die Behörden beruhigt? Die Zensur wirkt sich je nach Medium verschieden aus.

Nicht wirklich. Dazu gibt es auch ein lustige Geschichte:
Eines Tages wurden wir von lautem Sturmklingeln aufgeweckt und sind zur Tür gelaufen: “Kripo. Bitte aufmachen! Wir ermitteln gegen Sie wegen Verbreitung von Jugendpornografie.” Unter seinem Arm hatte er eine Mappe mit einigen beschlagnahmten Fotos aus dem Heroin Kids-Bildband. Das Ermittlungsverfahren wurde zwar eingestellt aber wir sind uns trotzdem darüber bewusst, dass wir auch weiterhin überwacht werden. Die BLM und auch das BSI (Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik) besuchen regelmäßig unsere Webseite. Das ist irgendwie komisch, da kommt man sich schon manchmal vor wie ein Schwerverbrecher, als würde man etwas total Illegales machen, etwas Staatsfeindliches, Demokratiefeindliches.
Wir denken, die haben anfangs noch gedacht: “Jetzt nehmen wir diesen Künstlern schnell mal die Plattform des Internets weg und dann verschwindet das Projekt schon komplett aus dem Sichtfeld der Öffentlichkeit”, und jetzt haben sie gemerkt, dass sie uns so schnell wohl doch nicht mehr loswerden. Wenn es ihnen im Internet schon nicht gelungen ist, Heroin Kids zu zensieren, streben sie jetzt ein Totalverbot der Bilder und damit des Bildbands an. Letztlich sind die Bilder im Bildband ja viel heftiger, sie zeigen viel mehr Nacktheit und Verwahrlosung im Vergleich zu den Bildern, die jemals auf der Homepage waren. Und die denken sich: “Jetzt machen sie was wirklich Verbotenes!” Aber auch das hat bis jetzt nicht geklappt.

Die Auseinandersetzungen mit der BLM und der Staatsanwaltschaft ziehen sich bereits seit 2009 hin und der Prozess fand im November 2010 statt. Ihr seid letztlich freigesprochen worden. Könnt Ihr in Zukunft keine Kunst mehr ohne Anwalt machen?

Na ja, erst mal fotografieren wir ja einfach. Da ist uns die rechtliche Seite ziemlich egal. Darf man das dann veröffentlichen? Kann man das dann noch zeigen? Was wird die BLM dazu sagen? Ist so was unmoralisch? Wir gehen an die Grenze und überschreiten sie auch. Regeln und Gesetze interessieren uns nicht. Kunst hält sich nicht an Regeln und Gesetze. Wir empfinden unsere Arbeiten grundsätzlich als legitim, es ist unsere Sicht auf die Welt. Erst wenn es um die Veröffentlichung der Fotos geht, stellen sich uns die juristischen Fragen.
Auch für fachkundige Juristen ist es nicht wirklich absehbar, was erlaubt ist und was nicht. Die BLM und KJM stellen zum Beispiel keinen einheitlichen Rahmen bereit, in Bezug auf Veröffentlichung von Kunst im Internet. Als normaler Bürger ohne Medienrechtsstudium hat man da gar keine Chance durchzublicken. Insofern könnte man schon sagen, Kunst braucht heute Anwälte. Ein Anwalt kann schon einiges an Schaden frühzeitig abwenden. Aber auch ein guter Anwalt ist bei einer so unsicheren Gesetzeslage keine Garantie für Straffreiheit oder dafür, sein Recht auch zu bekommen. Wir haben schon sehr viel Arbeit, Zeit und Geld in juristische Dinge gesteckt. Gute Anwälte sind teuer. Gerichtsverfahren kosten Geld. Natürlich ist das auch Taktik der Landesbehörden, auch wenn sie vor Gericht verloren haben, können sie uns finanziell ausbluten lassen.

Gegen Euch wurde wegen “Verbreitung von Jugendpornographie” von der Kripo ermittelt. Habt Ihr mit dem Projekt Heroin Kids in ein Wespennest bundesdeutschen Selbstverständnisses gestochen?

Das bundesdeutsche Selbstverständnis im Bezug auf Jugend- und Kinderpornografie ist mehr als bizarr. Wir leben in einem Land, in dem auch mal die “ach so liebe und nette” Grundschullehrerin Stammtischparolen los lässt wie “Schneidet ihnen doch einfach die Eier ab”, in dem Sendungen wie Tatort Internet reißerisch im legalen Grenzbereich auf Menschenjagd gehen und so ein ernstes Thema so reißerisch missbraucht wird, um Einschaltquoten zu ergattern und Frau zu Guttenberg ein nettes Familienimage zu verschaffen. Auch die NPD hat das Thema ja schon für sich eingenommen und als Ursula von der Leyen weiträumige Internetüberwachung und Zensur ankündigte, hatte sie hinter sich das Foto eines weinenden Kindes hängen, das dir in die Augen schaut, als würde es sagen wollen: “Wenn du diesem Gesetz nicht zustimmst, trägst du Mitschuld an meinem Leid.” Dieses Thema ist heutzutage so oft Vorwand, um staatlich Kontrolle durchzukämpfen. Solche ernsten Themen so zu missbrauchen, ist scheinmoralisch und ganz schön skrupellos, berechnend und herzlos. Kein Thema wird so oft missbraucht, um andere Interessen durchzudrücken. Kinder- und Jugendpornografie: diese Worte wurden in den letzten Jahren schon x-mal vergewaltigt. Wenn sich in einer freien Gesellschaft so eine Scheinmoral ausbreitet und damit tatsächlich auch Zensur, Überwachungen, Sicherheitsverwahrungen, Speicherung von persönlichen Daten, Einsatz von Bundestrojanern, Kreditkartenüberprüfungen, willkürlich erscheinende Beschlagnahmungen und Durchsuchungen oft gegen jede Grundgesetze durchgedrückt werden, ist es immer schon die Kunst als eine der ersten Instanzen gewesen, die solchen gesellschaftlichen Umbrüchen kritisch gegenüberstand. Kunst nimmt das wahr und wir scheuen da keine Konfrontation. Wir fotografieren auch jugendliche Mädchen. Ein Nacktbild einer Minderjährigen ist nicht verboten, noch handelt es sich um Jugendpornografie. Trotzdem findet man keine Jock Sturges-, David Hamilton- oder Bourboulon-Bildbände in öffentlichen Bibliotheken genauso wenig wie Heroin Kids. Kunst spiegelt die Welt wider, so wie sie ist. Jugendlichen sind keine asexuellen Wesen. Wenn wir einen nackten Jugendlichen sehen, sind wir erschreckt und denken gleich an Kinder- oder Jugendpornografie. Das ist ein total unnatürlicher Umgang mit Nacktheit und Sex, der dem Leben und der Realität der Jugendlichen einfach nicht gerecht wird und das hilft auch keinem echten Missbrauchsopfer. Dass gesetzlich unter dem Begriff Kinderpornografie sowohl Lolliporn, FKK-Bildchen und wirkliche Kinderpornografie, in der ein Jugendlicher ernsthaft missbraucht wird – was absolut schrecklich ist – vermischt werden, ist höchst bedenklich. Es wird auch nicht über solche Themen diskutiert, man darf keine Gegenargumente aufführen. Eine ernsthafte Diskussion, von verschiedenen Perspektiven aus, findet gar nicht statt. Widerspruch wird nicht geduldet und alle sind sich einig: Wir brauchen mehr Kontrolle, Überwachung und noch härtere Strafen.

Kritische Stimmen könnten Euch den Medienskandal vorwerfen. Ihr müßt ja zugeben, dass die Fotos und Bildunterschriften wie “Teenage Prostitute”, “… I will do anything for heroin…” oder “Cool Sperm Babies” nicht dem ethischen common sense entsprechen.

Der scheinbare “ethische common sense” ist uns scheißegal, das dient höchstens dazu, dass Menschen anderen Menschen offenbaren, dass sie in sich selbst gute und moralische Menschen sehen. Moral war schon immer der Todfeind von Kunst, “ethischer common sense” ist eine Keule, ein Totschläger, mit der man andere Sichten und Lebensweisen auf die Welt totschlagen will. Wir halten uns an keine Normen, haben keine Werte und schon gar keine Moral – wir geben nur blöde Kommentare ab. Diese reißerischen, oberflächlichen Pornoslogans passen einfach zu gut in die Welt. Egal ob Media Markt-Werbungen, Porno-Untertitel, Bild-Zeitung, Bildunterschriften bei 4Chan, das ist eine ganz bizarre Oberflächlichkeit, die vorhanden ist. Wir wollen die nicht bewerten, das hat auch was total-geil Menschliches, diese Oberflächlichkeit kombiniert mit Menschen mit Träumen und Glitzern in den Augen.
Man kann fragen: Was sind das für Künstler, die die Welt wahrnehmen, wie sie ist und deren Kunst nicht mit dem “ethischen common sense” kollidiert?

Durch die unzensierte Darstellung von drogensüchtigen Mädchen entwickelt Ihr eine Art Punk-Ästhetik, die die Augen nicht vor dem Elend der Schönheit verschließt. Das Problem ist nur, dass dies mit dem Jugendschutz kollidiert.

Als Goethes Werther veröffentlicht wurde, haben sich reihenweise Jugendliche umgebracht. Das ist sehr eindeutig jugendgefährdend. Man muss sich fragen, warum wird so etwas Jugendgefährdendes dann auch noch an Schulen gelesen? Ist das nicht für Jugendliche gefährlich? Ist es nicht unverantwortlich? Nein, ist es in der Tat nicht! Das ist diese Einstellung “Ach, die Jugendlichen von heute nehmen das eh nicht wahr, wenn sie in der Schule gezwungen werden, das zu lesen und schon gar nicht bei der veralteten Sprache, durch die sie sich durchquälen müssen.” Es ist schade, dass Jugendliche nur so Kunst erfahren, als langweilige Schulfächer, verpackt in Sprachen und Themen, weit weg von ihrem Leben, das ist keine Erfahrung von Kunst, sondern eine innere Vergewaltigung. Wenn man in eine Casper- David-Friedrich-Ausstellung geht, denkt man sich: “Ach wie romantisch.” Man kann die Bedrohung, die Gefahr und die Sehnsucht, die in den Bilder steckt, zum großen Teil heute nicht nachfühlen. Das sind Bilder aus einer anderen Zeit mit anderen Erfahrungsräumen. Wir wissen, dass diese Bilder gut und bedeutend sind, einen wirklichen Zugang dazu zu finden, ist sehr schwer. Diese Kunstwerke werden für uns harmlos, weil vieles daraus uns nicht wirklich erreicht. Unsere Kunst ist nah am Leben der Jugendlichen, das macht sie auch gefährlich.
Jugendliche nehmen Drogen, prostituieren sich. Das machen sie nicht, weil sie unsere Sachen kennen und das nachahmen. Wir spiegeln das und viele Jugendliche finden sich darin wieder. Die bekommen seit der vierten Klasse lauter Drogenaufklärungsbroschüren in die Hand gedrückt, in denen steht, dass man nach einmaligem Heroinkonsum süchtig ist und hören sich Schulvorträge von irgendwelchen Opfern, irgendwelchen geläuterten Ex-Junkies mit gescheiterten Existenzen und reumütigen Dealern an und sehen im Fernsehen Drogenkonsum nur ganz pädagogisch reflektiert und für sie aufgearbeitet. Und dann gehen die Jugendlichen raus, zünden sich erst mal ne Kippe an und nehmen mehr Drogen als je eine Generation zuvor, missbrauchen ihre betrunkene Freundin, drehen mit dreizehn Handypornos und scheißen auf Regeln. Wir lassen den moralischen Fingerzeig weg. Jedes Leben ist zu einzigartig und wertvoll, um es in einem pädagogischen Sumpf zu versenken. Stellen Sie sich mal vor, der Ex-Junkie, der in der Schule gerade über sein gescheitertes Leben reflektiert, kommt während des Vortrages auf den Trip: “Das was ich sage ist alles nicht wahr. Drogen nehmen war voll geil.” So was passiert nicht, der wird dafür bezahlt, seinen einseitigen Text abzulesen, ohne nachzudenken, wenn er das nicht macht – macht‘s jemand anderes. Und der sagt dann: “Habt eine eigenständige Meinung. Seid selbstbewusst!” Klar, dass Drogenaufklärung so nicht funktioniert.

Mädchen in der Pubertät gelten als besonders schützenswert in unserer Gesellschaft. Weshalb rüttelt Ihr an diesem Selbstverständnis?

Die Mädchen in der Pubertät rütteln da selbst ganz gewaltig mit an diesem Baum, verwurzelt im moralischen Selbstverständnis. In keinem Alter wie in der Jugendzeit wird so bösartig mit Liebe, Sex und Gewalt gespielt und das in den allermeisten Fällen völlig unbestraft. Keine andere Generation kam so früh in die Pubertät, nahm so viele Drogen, hatte so früh Sex, hat so ein Gewaltproblem, 15jährige prägen das Wort “Koma-Saufen”. Nie wird so viel sexuell genötigt, ausgenutzt, missbraucht, gedealt, zu Drogen überredet wie im Jugendalter. Jugend und Pubertät, das ist so schützenswert. Und die Mädchen sagen: “Hey, wir sind genau die Art pubertierende Mädchen, die früh schwanger werden und jung sterben, kümmert euch doch um die Kinder von uns, aber lasst mich in Ruhe.” Kein Bock, kein Geld, keine Zukunft, aber jede Menge Drogen.
Das kommt immer so rüber, als würden wir irgendwelche bißchen pubertierende Kinder aus ihrem rosaroten Kinderzimmer Welt nehmen und in die gefährliche Pornowelt entführen, wo sie von Pornofilmproduzenten die große Liebe versprochen bekommen, damit sie vor der Kamera ihre Titten zeigen. Was der Staat macht, ist nicht der Schutz pubertierender Mädchen, sondern die Ausklammerung vieler Sichtweisen auf das Leben dieser Mädchen. Mädchen, die so ein Leben leben, kommen ja offiziell nur an Sendungen und Material, in denen ihr Leben als schlecht bewertet wird und wir sagen: ja klar, leb so. Sei, was du sein willst. Leben kann man nicht lernen. Pubertät ist ein inspiratives Alter, voller Zerrissenheit, Abgründen, aber auch voller Naivität und Sehnsucht und leichtgläubig, ziellos, ohne Fragen nach einem Morgen, wie nahezu keine andere Zeit des Lebens. Das inspiriert uns, dieses Kaputte, Zerrissene, diese Morgenblühte (!) Pubertät zwischen Gewalt, Sex, Drogen, Liebessuche und Sehnsucht nach dem Unbekannten, dieses Nicht-zu-leben-Wissen ist unbedingt Wert, gezeigt zu werden.

Ein altes Problem der Fotografie ist, dass der Fotograf mit der Kamera das Elend ablichtet, aber nichts dagegen unternimmt. Auf Nachfrage habt Ihr mitgeteilt, dass nicht alle der abgebildeten Frauen Heroinabhängige sind. Wie kann man zwischen Fakt und Fiktion trennen?

Fakt und Fiktion sollen in unseren Arbeiten verschwimmen. Wahrheit und Lüge sollen verschwimmen. Kunst ist immer Lüge und Illusion. Sie führt in die Irre, täuscht Wege vor, wo keine sind. Wir wollen es dem Rezipienten auch nicht leicht machen, sondern ihn in innere Gegensätze bringen. Ihn herausfordern. Es ist nicht die Aufgabe der Kunst, etwas zum Guten zu verändern oder moralisch zu sein.

Wer die Fotos im Internet oder im Buch betrachtet, muß Stellung beziehen, ohne eine Meinung kann man Heroin Kids nicht betrachten. Kunst entsteht nicht im Vakuum, doch durch die Darstellung von Nacktheit und Zerfall wird die Kunstrezeption auf eine harte Probe gestellt. Erzählen manche Reaktionen auf Euer Projekt auch von verborgenen Vorstellungen der Betrachter?

Wir zeigen nackte Körper, ausgeliefert, vorgeführt, neben Dreck und Verwahrlosung, neben verträumten Junkieaugen und Toiletten voller Erbrochenem. Aggressiv, oberflächlich, pornografisch. Bilder, auf denen man nur den Körper, die Pose, die Geschlechtsorgane sieht, weil der Kopf der Figur außerhalb des Bildes liegt oder die Augen mit einem schwarzen Balken verdeckt sind. Ein zarter gesichtsloser Körper eines Jugendlichen, austauschbar, präsentiert, vorgeführt, Nacktheit als Massengut, als Konsumgut, möglichst ohne Individuum. Das ist genau das, was diese Zeit ausmacht.
In den Hassmails und moralischen Angriffen finden sich am meisten von diesen verborgenen Vorstellungen wieder. Das ist bizarr, aber wenn die Menschen irgendwo von Kindern, Sex, Gewalt, Drogen und Missbrauch erfahren, wollen sie am liebsten alles bis ins letzte Detail genau wissen, voller Sensationsgier und dann nimmt man, erschrocken von sich selbst, die Stellung des moralischen Gutmenschen ein, der das alles hasst und verabscheut.
Es gab da mal eine Frau, die regelmäßig unsere Facebook-Heroin Kids-Seite gemeldet und uns erboste Mails geschrieben hat oder bissige Kommentare zu Bildern hinterließ. Das ging bestimmt in wechselnden Abständen ein dreiviertel Jahr so. Die meldete sich immer wieder und hat auch Fans öffentlich Pädophilie-Vorwürfe gemacht. Irgendwann hat sie geschrieben: “Ach was soll‘s – irgendwie find ich‘s richtig gut.”

Schleim in Nahaufnahme auf rotem Pullover kann eine neue Sichtweise auf den Ekel vor dem nackten Körper enthüllen. Sind solche Fotos zu offen für eine “sozial orientierende” und “moralisch bewusste” Gesellschaft wie die der BRD? Warum Fotografie und nicht Zeichnungen oder Skulpturen?

Nein, die Fotos sind nicht zu offen. Wir greifen auf Dinge zurück, die tatsächlich in dieser Gesellschaft vorhanden sind und setzen sie künstlerisch um. Eine freie Gesellschaft wie die der BRD muss diese Offenheit aushalten, wir würden sogar so weit gehen zu sagen, Heroin Kids kann eine “sozial orientierende” und “moralisch bewusste” Gesellschaft bereichern.
Wir malen auch riesige abstrakte Acrylbilder, zeichnen, und haben auch schon im Bereich Bildhauerei und Installationen gearbeitet und dann sind wir zur Zeit auch als Autoren tätig. Wir denken, dass Fotografie und Video dieser Thematik durchaus entsprechen. Fotografie, aber auch besonders Video, sind Werkzeuge unserer Zeit und auch der Jugend. Wir wollen das Direkte, die Nähe zum Geschehen – das Hier und Jetzt. Fotografie ist sehr nahe an der darin abgebildeten Welt. Es nimmt Bilder direkt aus der Welt. Das schafft auch dem Betrachter Nähe und eine trügerische Vertrautheit. Es erlaubt uns als Künstler, sehr spontan und flexibel Bilder einzufangen und bietet auf der anderen Seite die Möglichkeit zur Inszenierung und Manipulation der Wirklichkeit. Kids ziehen schnell mal ihr Handy raus und machen verhältnismäßig ansprechende Bilder. Einige Mädchen schicken uns auch selbstgemachte Bilder. Auch so was trägt dazu bei, dass Realität und Inszenierung verschwimmen. Trotzdem ist es unserer Meinung nach auch für Fotografie wichtig, andere Kunsttechniken, gerade so grundlegende wie das Zeichnen, zu beherrschen. Viele unserer Fotografien entstehen ja zuerst auf dem Papier. Wir machen uns schnell Skizzen, sammeln Ideen. Zeichnen lehrt einem zu differenzieren. Trotzdem würden wir nicht wollen, dass sich Leute vor Heroin Kids-Zeichnungen stellen und so was sagen wie: “Was für ein schöner Strich, toll wie das gezeichnet ist!”

In Sachen Sexualität hat sich im Internet sehr viel getan und heute findet der Fetischist jedes Plaisir im Netz. Seid Ihr bereits mit zwielichtigen Personen in Kontakt gekommen, die Heroin Kids v.a. des Voyeurismus wegen schätzen?

Ja, das ist ihr gutes Recht. Das können und wollen wir aber auch nicht verhindern. Heroin Kids ist voyeuristisch. Leute suchen nach Tags wie “13jährige, nackt” oder “kunst und sehnsucht” und beide landen irgendwann auf unserer Homepage. Es ist schön, dass es so verschiedene Arten der Herangehensweise gibt. Die Suche nach so einer krankhaften Illusion von Schönheit und Liebe, die man nie so richtig erreichen wird. Das ist gar nicht so unähnlich zu unseren Junkie-Kids. Eine gefährliche Nähe von drogensüchtigen Mädchen und bösen Pädophilen. Das ist auch in der Welt so.
Warum sollte ein Mensch, ob Mann oder Frau, beim Betrachten des jungen Mädchens, das halbnackt und total besoffen in der Ecke liegt, keine sexuellen Gefühle haben dürfen? Gleicherweise kann ja auch ein Beschützerinstinkt im Betrachter aufkommen – legitim ist unserer Meinung nach jedes Empfinden beim Betrachten unserer Arbeiten, denn wie heißt es so schön? Die Gedanken sind frei.

Euch erreichten auch Hassmails und Drohungen. Wie geht man damit um? Ist das ein Zeichen für den künstlerischen Erfolg?

Wir sehen das entspannt, klar, wenn man in die Welt schreit, schreit die Welt zurück. Klar, dass wir anecken, das zeigt auch, dass es nicht einfach ist, mit Heroin Kids umzugehen. Kunst soll es dem Betrachter aber auch nicht einfach machen. Das spricht für die Kunst. Kunst muss auch berühren, wehtun, Emotionen wecken. Man muss sich auch daran stören können. Nichts ist schlimmer und langweiliger als Kunst, die nicht verletzt und nicht stört. Da ist ja auch viel Rumgepicke, ein mehr oder weniger freundliches Gedränge, in dem jeder seine Ellenbogen ausfährt. Die Leute positionieren sich und beziehen Stellung. Wir verachten diese Pseudomoral, von der aus diese Hassmails und Drohungen kommen. Aber wir finden es sehr gut, dass die uns als Gegner sehen, so sind die Fronten klar.

Vielen Dank für Eure Zeit und Mühe.
Dominik Irtenkauf, Münster

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